Ist eine Aktie günstig oder teuer? Der Aktienkurs allein hilft bei dieser Frage wenig. Für 20 Euro können Sie eine hoch bewertete Aktie kaufen, während eine Aktie für 100 Euro vergleichsweise günstig sein kann. Entscheidend ist, was Sie für Ihr Geld erhalten. Und um dies einschätzen zu können, ziehen Experten meist das KGV des Unternehmens zurate.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn des Unternehmens. In diesem Ratgeber erfahren Sie, wie Sie die Kennzahl berechnen, welche Vergleiche sinnvoll sind und worauf Sie bei besonders niedrigen oder hohen Werten achten sollten. Einfache Zahlenbeispiele zeigen, wie Sie das KGV bei der Auswahl einer Aktie nutzen können.
Was bedeutet das Kurs-Gewinn-Verhältnis?
Das KGV zeigt, wie viel Anleger an der Börse für einen Euro Jahresgewinn des Unternehmens bezahlen. Bei einem KGV von 15 kostet die Aktie das 15-Fache des jährlichen Gewinns, der auf eine Aktie entfällt. Der Wert wird als Zahl angegeben, nicht in Prozent.
Damit lässt sich der Preis einer Aktie besser einordnen als über den Kurs allein. Eine Aktie für 100 Euro mit 10 Euro Gewinn je Aktie hat ein KGV von 10. Eine Aktie für 20 Euro mit nur 1 Euro Gewinn je Aktie hat ein KGV von 20. Bezogen auf den Gewinn bezahlen Anleger für die zweite Aktie also doppelt so viel.
In englischsprachigen Aktienprofilen heißt die Kennzahl Price-Earnings Ratio, häufig abgekürzt als P/E oder PE. Auch die Wiener Börse erklärt das KGV (externer Link) als Verhältnis von Aktienkurs und Gewinn je Aktie.
Wie berechnet man das KGV?
Für die Berechnung brauchen Sie zwei Angaben: den Aktienkurs und den jährlichen Gewinn je Aktie. Sie teilen den Kurs durch diesen Gewinn. Beide Beträge müssen in derselben Währung angegeben sein.
Aktienkurs ÷ jährlicher Gewinn je Aktie = Kurs-Gewinn-Verhältnis
Der Gewinn je Aktie steht im Geschäftsbericht oder im Aktienprofil Ihres Finanzportals. Die englische Abkürzung dafür lautet EPS, für Earnings per Share. Gemeint ist der Anteil am Unternehmensgewinn, der rechnerisch auf eine Aktie entfällt. Für die Berechnung verwenden Sie das ausgewiesene Ergebnis je Aktie, nicht den Umsatz oder den Gewinn vor Steuern.
Wie Kurs und Gewinn je Aktie bei einem Aktiensplit umgerechnet werden, zeigt der Ratgeber mit einem einfachen Beispiel.
Dieser Gewinn wird Ihnen nicht automatisch ausgezahlt. Das Unternehmen kann einen Teil als Dividende ausschütten und den Rest etwa für Investitionen behalten. Den Zusammenhang zwischen Unternehmensgewinn und Gewinn je Aktie erläutert die US-Börsenaufsicht SEC in ihrer Einführung zu Geschäftsberichten (externer Link).
Ein einfaches Rechenbeispiel
Angenommen, zwei Aktien kosten jeweils 60 Euro. Unternehmen A verdient im Jahr 3 Euro je Aktie, Unternehmen B verdient 6 Euro je Aktie. Daraus ergeben sich unterschiedliche Bewertungen.
| Unternehmen | Aktienkurs | Gewinn je Aktie | KGV |
|---|---|---|---|
| Unternehmen A | 60 Euro | 3 Euro | 20 |
| Unternehmen B | 60 Euro | 6 Euro | 10 |
Bei Unternehmen A bezahlen Sie das 20-Fache des Jahresgewinns, bei Unternehmen B das Zehnfache. B ist damit auf Basis dieser Gewinne niedriger bewertet. Ob es die attraktivere Aktie ist, hängt unter anderem davon ab, wie sich die Gewinne künftig entwickeln.
Ein Beispiel aus Österreich: Vienna Insurance Group
Die Vienna Insurance Group weist in ihrem Geschäftsbericht für 2025 einen Aktienkurs von 67,20 Euro zum Jahresende und ein Ergebnis je Aktie von 6,46 Euro aus. Die Rechnung lautet 67,20 geteilt durch 6,46. Gerundet ergibt das ein KGV von 10,4, das auch im Kennzahlenüberblick der VIG für 2025 (externer Link) steht.
Das Beispiel bezieht sich ausdrücklich auf das Jahresende 2025. Für eine heutige Bewertung würden Sie den aktuellen Aktienkurs und die dazu passende Gewinnbasis verwenden. Wie sich beide Angaben auf das Ergebnis auswirken, wird im nächsten Abschnitt deutlich.
Warum zeigen Finanzportale unterschiedliche KGV-Werte?
Wenn zwei Portale für dieselbe Aktie unterschiedliche Werte anzeigen, lohnt sich ein Blick auf das Bezugsjahr. Ein KGV kann mit bereits erzielten Gewinnen berechnet sein oder mit Gewinnen, die erst erwartet werden.
Beim historischen KGV stammt der Gewinn aus einem abgeschlossenen Geschäftsjahr oder aus den letzten zwölf Monaten. Für die letzten zwölf Monate findet sich oft die Abkürzung TTM, für Trailing Twelve Months. Beim erwarteten KGV, auch Forward-KGV genannt, wird eine Gewinnschätzung verwendet. Diese kann sich etwa auf das laufende Jahr, das nächste Geschäftsjahr oder die kommenden zwölf Monate beziehen. Fidelity beschreibt das Forward-KGV (externer Link) als Bewertung auf Grundlage erwarteter Gewinne.
| Gewinnbasis | Aktienkurs | Gewinn je Aktie | KGV |
|---|---|---|---|
| Letztes abgeschlossenes Geschäftsjahr | 60 Euro | 3 Euro | 20 |
| Schätzung für das nächste Geschäftsjahr | 60 Euro | 4 Euro | 15 |
Hier entsteht das niedrigere KGV von 15 durch den höheren erwarteten Gewinn. Der Aktienkurs bleibt gleich. Ob das Unternehmen die geschätzten 4 Euro tatsächlich verdient, zeigt sich erst später.
Auch ein anderer Kurszeitpunkt oder ein um Sondereffekte bereinigter Gewinn kann zu abweichenden Werten führen. Vergleichen Sie deshalb Zahlen mit derselben Grundlage: gleicher Kursstichtag, gleicher Gewinnzeitraum und dieselbe Art der Gewinnangabe. Die Angaben stehen häufig direkt neben dem KGV oder in den Erläuterungen des Portals.
Welches KGV ist gut?
Eine feste Grenze, unter der jede Aktie günstig wäre, gibt es nicht. Ein KGV von 10, 15 oder 20 erhält seine Bedeutung erst durch den Vergleich mit ähnlichen Unternehmen und durch die Aussichten für deren Gewinne.
Vergleichen Sie möglichst Unternehmen mit ähnlichem Geschäft. Für einen Versicherer sind andere Versicherer die naheliegende Vergleichsgruppe. Ein Vergleich mit einem schnell wachsenden Softwareunternehmen wäre weniger hilfreich, weil sich Geschäftsmodell und Gewinnaussichten stark unterscheiden.
Ein höheres KGV kann nachvollziehbar sein, wenn ein Unternehmen seine Gewinne über Jahre deutlich steigern kann. Anleger bezahlen dann mehr für den heutigen Gewinn, weil sie künftig höhere Gewinne erwarten. Die Wiener Börse erläutert den Einfluss des Gewinnwachstums auf das KGV (externer Link). Bleibt das erhoffte Wachstum aus, muss die Bewertung neu eingeschätzt werden.
Nützlich ist auch der Vergleich mit früheren Jahren desselben Unternehmens. Hat sich das Geschäft kaum verändert, kann ein deutlich höheres KGV auf gestiegene Erwartungen hinweisen. Nach einer großen Übernahme oder dem Verkauf wichtiger Geschäftsbereiche ist dieser Vergleich schwieriger, weil das Unternehmen inzwischen anders aufgestellt ist.
Warum kann ein niedriges KGV täuschen?
Bei einer auffällig niedrigen Bewertung ist die wichtigste Frage: Kann das Unternehmen seinen Gewinn halten? Der Blick auf die vergangenen Zahlen hilft nur dann bei der Kaufentscheidung, wenn Sie auch verstehen, wie dieser Gewinn entstanden ist.
Das lässt sich am fiktiven Beispiel von Unternehmen B zeigen. Bei 60 Euro Aktienkurs und 6 Euro Gewinn je Aktie beträgt das KGV 10. Sinkt der Jahresgewinn auf 3 Euro je Aktie, steigt das KGV bei unverändertem Kurs auf 20. Die zuvor niedrige Bewertung beruhte auf einem Gewinn, der inzwischen zurückgegangen ist.
Bei Unternehmen, deren Geschäft stark mit der Konjunktur oder mit Rohstoffpreisen schwankt, lohnt sich deshalb der Blick auf mehrere Jahre. Ein außergewöhnlich gutes Jahr kann das KGV stark senken. Ebenso kann der Verkauf einer Beteiligung den Gewinn einmalig erhöhen, obwohl das laufende Geschäft kaum gewachsen ist.
Im Geschäftsbericht finden Sie meist Erläuterungen dazu, was den Gewinn verändert hat. Achten Sie darauf, ob das Unternehmen mehr mit seinem eigentlichen Geschäft verdient oder ob ein einmaliger Vorgang das Ergebnis verbessert hat.
Was bedeutet ein negatives KGV?
Ein negatives KGV entsteht rechnerisch, wenn das Unternehmen einen Verlust je Aktie ausweist. Bei 60 Euro Aktienkurs und einem Verlust von 3 Euro je Aktie wäre das Ergebnis minus 20. Daraus lässt sich keine günstige Bewertung im Vergleich zu profitablen Unternehmen ableiten.
Viele Finanzportale zeigen bei Verlusten deshalb keinen KGV-Wert oder eine Kennzeichnung wie „nicht aussagekräftig“. Auch die Kennzahlenerläuterungen von Fidelity (externer Link) beschreiben, dass bei negativen Gewinnen kein entsprechender KGV-Wert ausgewiesen wird. Bei einem Gewinn von genau null ist die Division nicht möglich.
Für ein Unternehmen mit Verlusten steht eine andere Frage im Vordergrund: Wann und wodurch soll es profitabel werden? Eine KGV-Schätzung für ein späteres Jahr setzt bereits voraus, dass dieser Schritt gelingt.
Was sagt das KGV über Ihre Rendite und Dividende aus?
Ein KGV von 10 bedeutet, dass Sie das Zehnfache des zugrunde gelegten Jahresgewinns bezahlen. Daraus folgt keine feste Frist, nach der Sie Ihren Kaufpreis zurückerhalten. Dafür müsste Ihnen das Unternehmen den gesamten Gewinn auszahlen und über die Jahre gleich viel verdienen.
Ihre Rendite als Aktionär ergibt sich aus der Entwicklung des Aktienkurses und den erhaltenen Dividenden. Wie viel vom Gewinn ausgeschüttet wird, entscheidet das Unternehmen. Zwei Aktien mit demselben KGV können deshalb sehr unterschiedliche Dividenden zahlen. Der Ratgeber Dividenden in Österreich erklärt, was diese Zahlungen für Anleger bringen und was nach Steuern bleibt.
Bei der Auswahl von Dividendenaktien lohnt es sich, neben der Bewertung auch die Entwicklung der Ausschüttungen und deren Finanzierung anzusehen. Beispiele finden Sie in unserem Vergleich der österreichischen Dividendenaktien.
Wie Sie das KGV bei der Aktienauswahl nutzen
Beginnen Sie mit der Gewinnbasis: Bezieht sich die Zahl auf ein abgeschlossenes Jahr oder eine Schätzung? Vergleichen Sie anschließend die Bewertung mit ähnlichen Unternehmen. Lesen Sie schließlich nach, warum der Gewinn gestiegen oder gefallen ist und was das Unternehmen für die nächsten Jahre erwartet.
So wird aus einer einzelnen Zahl eine nachvollziehbare Einschätzung. Sie erkennen, ob Anleger für steigende Gewinne mehr bezahlen oder ob eine niedrige Bewertung mit schwächeren Aussichten zusammenhängt. Wenn Sie sich danach für eine Aktie entschieden haben, führt unser Ratgeber Aktien kaufen in Österreich durch die Schritte bis zum Kaufauftrag.
Dieser Beitrag erklärt Grundlagen und ist keine Anlageberatung. Kurse und Kennzahlen dienen der Veranschaulichung.
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