Basiswissen 07.10.2026 9 Min. Lesezeit

Kapitalerhöhung: Was Sie mit Bezugsrechten machen können

Neue Aktien kaufen oder Bezugsrechte verkaufen? So beurteilen Sie eine Kapitalerhöhung, verstehen die Verwässerung und beachten die Fristen. Mit Zahlenbeispiel.

Wenn ein Unternehmen neue Aktien ausgibt, bekommen bestehende Aktionäre häufig ein Angebot: Sie können weitere Anteile zu einem festgelegten Preis kaufen. Wer ein solches Schreiben im Depot findet, möchte vor allem wissen, ob sich der Kauf lohnt und was passiert, wenn man nicht daran teilnimmt.

In diesem Ratgeber erfahren Sie, warum Unternehmen ihr Kapital erhöhen und wie Sie das Angebot beurteilen können. Ein Zahlenbeispiel erklärt, was Bezugsrechte wert sind und wie sich der Kauf oder Verkauf auf Ihre Beteiligung auswirkt. Außerdem erfahren Sie, welche Fristen Sie beachten müssen, damit Ihre Entscheidung rechtzeitig beim Broker ankommt.

Warum Unternehmen eine Kapitalerhöhung durchführen

Unternehmen brauchen Geld, um etwa neue Werke zu bauen, einen Wettbewerber zu übernehmen oder Schulden zurückzuzahlen. Eine Möglichkeit ist, neue Aktien auszugeben. Die Käufer zahlen Geld an das Unternehmen und werden dafür an ihm beteiligt. Wer bereits Aktien besitzt, teilt das Unternehmen anschließend mit mehr Aktionären beziehungsweise einer größeren Zahl von Anteilen.

Anders als bei einem Kredit muss das Unternehmen dieses Geld nicht zu einem vereinbarten Termin zurückzahlen. Es gehört zum Eigenkapital. Bei einer Kapitalerhöhung gegen Bareinlagen steigt das Grundkapital durch die Ausgabe neuer Aktien. Den Ablauf beschreibt auch die Wiener Börse in ihrer Erklärung zur Kapitalerhöhung (externer Link).

Für Aktionäre ist der Anlass wichtig. Eine Finanzierung für zusätzliche Produktionskapazitäten hat ein anderes Ziel als eine Kapitalerhöhung, mit der ein Unternehmen laufende Verluste decken muss. Im ersten Fall geht es um Wachstum, im zweiten darum, die finanzielle Lage zu stabilisieren. Ob der Plan überzeugt, lässt sich anhand der bisherigen Geschäftsentwicklung und der geplanten Verwendung des Geldes beurteilen.

Was Bezugsrechte sind und wozu Sie sie brauchen

Bei einer Kapitalerhöhung mit Bezugsrechten erhalten bestehende Aktionäre das Recht, einen bestimmten Anteil der neuen Aktien zu kaufen. So können sie ihren prozentualen Anteil am Unternehmen erhalten. Die neuen Aktien heißen in den Unterlagen häufig „junge Aktien“.

Wie viele neue Aktien Sie kaufen können, legt das Bezugsverhältnis fest. Steht dort beispielsweise „drei alte Aktien zu einer neuen Aktie“, können Sie für je drei vorhandene Aktien eine zusätzliche Aktie erwerben. Der Preis dafür heißt Bezugspreis oder Ausgabepreis. Er steht im Angebot und ist für die Zeichnung der neuen Aktien maßgeblich, nicht der laufende Börsenkurs.

Ein Bezugsrecht verpflichtet Sie nicht zum Kauf. Wenn ein Bezugsrechtshandel vorgesehen ist, können Sie Ihre Rechte stattdessen verkaufen. Auch andere Anleger können sie dann kaufen und damit neue Aktien beziehen. Die Wiener Börse erläutert die Funktion und den Wert des Bezugsrechts (externer Link).

Ein Beispiel: zwölf Aktien und vier neue Anteile

Wie Kaufpreis, Bezugsrechte und Aktienkurs zusammenhängen, lässt sich mit einem einfachen Beispiel erklären. Die folgenden Zahlen sind fiktiv. Wir rechnen ohne Gebühren und Steuern und nehmen an, dass alte und neue Aktien dieselben Rechte haben.

Sie besitzen zwölf Aktien eines Unternehmens. Vor der Kapitalerhöhung kostet eine Aktie 50 Euro. Das Unternehmen bietet für jeweils drei alte Aktien eine neue Aktie zum Preis von 30 Euro an. Sie können somit vier neue Aktien erwerben und zahlen dafür insgesamt 120 Euro.

Die Bedingungen unseres Beispiels
Angabe Wert
Ihr bisheriger Bestand zwölf Aktien
Börsenkurs vor der Kapitalerhöhung 50 Euro je Aktie
Bezugsverhältnis eine neue Aktie für drei alte Aktien
Bezugspreis 30 Euro je neuer Aktie
Ihr Anspruch vier neue Aktien
Zahlung bei vollständiger Teilnahme insgesamt 120 Euro

Warum die Aktie danach rechnerisch 45 Euro kostet

Der Preis von 30 Euro wirkt zunächst attraktiv, wenn die Aktie zuvor für 50 Euro gehandelt wurde. Durch die Ausgabe der günstigeren neuen Aktien verteilt sich der rechnerische Gesamtwert aber auf mehr Anteile. Für drei alte Aktien zu je 50 Euro und eine neue Aktie zu 30 Euro ergibt sich ein Durchschnitt von 45 Euro.

Formel

(3 × 50 Euro + 30 Euro) ÷ 4 = 45 Euro je Aktie

Dieser Wert ist der theoretische Aktienkurs nach Abtrennung des Bezugsrechts. Der tatsächliche Börsenkurs entsteht durch Angebot und Nachfrage. Er kann höher oder niedriger liegen, etwa weil Anleger die Geschäftsaussichten neu bewerten.

Was ein Bezugsrecht in diesem Beispiel wert ist

Der rechnerische Unterschied zwischen dem bisherigen Kurs von 50 Euro und dem neuen Kurs von 45 Euro beträgt 5 Euro. In unserem Beispiel erhält jede alte Aktie ein Bezugsrecht. Drei dieser Rechte ermöglichen den Kauf einer neuen Aktie.

Damit hat ein einzelnes Bezugsrecht einen theoretischen Wert von 5 Euro. Ihre zwölf Rechte sind zusammen rechnerisch 60 Euro wert. Die zwölf alten Aktien kommen nach der Kursanpassung auf 540 Euro. Aktien und Bezugsrechte ergeben zusammen wieder die ursprünglichen 600 Euro.

Nutzen Sie alle Rechte, halten Sie anschließend 16 Aktien. Bei einem rechnerischen Kurs von 45 Euro beträgt ihr Wert 720 Euro. Sie haben dafür aber auch 120 Euro zusätzlich eingezahlt. Der höhere Depotwert stammt in dieser Rechnung vollständig aus Ihrer Einzahlung.

Neue Aktien kaufen oder Bezugsrechte verkaufen?

Mit den Bezugsrechten können Sie entscheiden, ob Sie mehr Geld in das Unternehmen investieren möchten. Dabei geht es sowohl um den Wert Ihrer Rechte als auch um Ihren Anteil am Unternehmen.

Neue Aktien beziehen und den Anteil erhalten

Wenn Sie alle Bezugsrechte ausüben, wächst Ihr Aktienbestand im selben Verhältnis wie die gesamte Aktienzahl des Unternehmens. Ihr prozentualer Anteil bleibt erhalten. Im Beispiel kaufen Sie vier neue Aktien und zahlen 120 Euro zusätzlich ein.

Dafür erteilen Sie Ihrem Broker einen Auftrag zur Teilnahme an der Kapitalerhöhung. In der Mitteilung steht, wie das funktioniert und bis wann das Geld für den Kauf bereitstehen muss. Prüfen Sie dabei, ob das Formular die Anzahl der einzusetzenden Bezugsrechte oder die Anzahl der gewünschten neuen Aktien abfragt.

Bezugsrechte verkaufen und kein weiteres Geld einzahlen

Wenn Sie kein zusätzliches Geld investieren möchten, können Sie die Rechte während eines vorgesehenen Bezugsrechtshandels verkaufen. In unserem Beispiel wären das rechnerisch 60 Euro. Zusammen mit den alten Aktien im Wert von 540 Euro bleibt der Gesamtwert bei 600 Euro, vor Gebühren und Steuern.

Ihr Anteil am Unternehmen wird trotzdem kleiner. Ihre zwölf Aktien bleiben zwölf Aktien, während die Gesamtzahl steigt. Bei einer Erhöhung im Verhältnis drei zu eins sinkt Ihre bisherige Beteiligungsquote auf drei Viertel. Dieser Effekt heißt Verwässerung. Er betrifft etwa Ihren Anteil an den Stimmrechten. Auch der Gewinn je Aktie sinkt, wenn sich der Unternehmensgewinn auf mehr Aktien verteilt und zunächst unverändert bleibt.

Sie können auch nur einen Teil der Rechte nutzen und den Rest verkaufen. Reicht Ihr Bestand nicht genau für eine ganze Zahl neuer Aktien, kann der Zukauf oder Verkauf einzelner Rechte einen solchen Rest ausgleichen. Bei kleinen Beträgen lohnt sich zuvor ein Blick auf die Transaktionsgebühren.

Was passiert, wenn Sie nichts tun?

Ungenutzte Bezugsrechte können nach Ablauf der Frist wertlos verfallen. Einige Broker versuchen, sie ohne ausdrücklichen Auftrag zu verkaufen. Das hängt aber vom Anbieter und den Bedingungen der Kapitalmaßnahme ab. Flatex beschreibt beispielsweise einen Verkauf, soweit dieser möglich ist (externer Link).

Lesen Sie deshalb in der Depotmitteilung nach, was Ihr Broker ohne Auftrag macht. Im Zahlenbeispiel würden durch einen ersatzlosen Verfall die rechnerischen 60 Euro der Bezugsrechte verloren gehen.

Woran Sie erkennen, ob sich die Teilnahme lohnt

Die Entscheidung für neue Aktien ist eine zusätzliche Investition in das Unternehmen. Fragen Sie sich deshalb, ob Sie die Aktie zu den heutigen Bedingungen auch unabhängig von der Kapitalerhöhung kaufen würden.

Lesen Sie zunächst, wofür das Unternehmen das Geld verwenden will. Bei einer geplanten Übernahme oder einem neuen Werk interessiert, welche zusätzlichen Erträge erwartet werden und wann sie entstehen sollen. Bei hohen Schulden oder Verlusten geht es darum, ob die Finanzierung zusammen mit den geplanten Maßnahmen die Probleme dauerhaft lösen kann. Unser Ratgeber zum Analysieren von Aktien zeigt, welche Zahlen dabei helfen.

Vergleichen Sie außerdem die Kosten des Bezugs mit einem normalen Aktienkauf. In unserem Beispiel benötigen Sie für eine neue Aktie drei Bezugsrechte im rechnerischen Wert von jeweils 5 Euro und zahlen 30 Euro. Wirtschaftlich setzen Sie damit 45 Euro ein. Das gilt auch für bereits vorhandene Rechte, denn durch die Nutzung verzichten Sie auf einen möglichen Verkaufserlös. Hinzu kommen die jeweiligen Gebühren.

Für den konkreten Vergleich verwenden Sie den aktuellen Preis der Bezugsrechte und den aktuellen Aktienkurs. Achten Sie auch darauf, ab wann die neuen Aktien handelbar sind und ob sie dieselbe Dividendenberechtigung haben wie die alten.

Schließlich wächst durch die Teilnahme der Betrag, den Sie in dieses einzelne Unternehmen investiert haben. Entscheiden Sie, ob diese größere Position zu Ihrem Depot passt. Das Bezugsrecht gibt Ihnen eine Wahlmöglichkeit. Sie müssen Ihre Beteiligungsquote nicht um jeden Preis erhalten.

Ein österreichisches Beispiel: Lenzing 2023

Lenzing nahm 2023 durch eine Kapitalerhöhung rund 400 Millionen Euro auf. Der Geschäftsbericht 2023 (externer Link) beschreibt, dass damit die Bilanz und die Liquidität gestärkt wurden.

Für elf bestehende Aktien konnten Aktionäre fünf neue Aktien zum Preis von jeweils 33,10 Euro beziehen. Wer 110 Aktien hielt und vollständig teilnahm, konnte also 50 neue Aktien für insgesamt 1.655 Euro kaufen. Die damaligen Bedingungen stehen in der Lenzing-Mitteilung vom 16. Juni 2023 (externer Link).

Das historische Angebot zeigt auch den Unterschied zwischen den Fristen: Der Bezugsrechtshandel war nur bis 29. Juni vorgesehen, das Bezugsangebot dagegen bis 5. Juli. Wer seine Rechte verkaufen wollte, musste sich entsprechend früher entscheiden. Die genannten Preise und Termine gehören ausschließlich zu dieser Kapitalerhöhung von 2023.

Welche Fristen bei einer Kapitalerhöhung gelten

Ihre Bank stellt die Bedingungen üblicherweise im Dokumentenarchiv des Depots bereit. Für die Entscheidung brauchen Sie vor allem drei Termine: das Ende des Bezugsrechtshandels, das Ende des Bezugsangebots und die Frist, bis zu der Ihr Broker Ihren Auftrag annimmt.

Für österreichische Aktiengesellschaften sieht § 153 Aktiengesetz (externer Link) grundsätzlich eine Bezugsfrist von mindestens zwei Wochen vor. Ihr Broker kann für die Bearbeitung eine frühere interne Frist setzen. Die Orderrichtlinien der Raiffeisenlandesbank Kärnten (externer Link) unterscheiden beispielsweise ausdrücklich zwischen interner Weisungsfrist und Weiterleitung der Rechte.

Haben Sie sich entschieden, kontrollieren Sie vor der Auftragserteilung das Bezugsverhältnis, den Bezugspreis, die Gebühren und das benötigte Guthaben. Nach der Abwicklung prüfen Sie die Zahl der eingebuchten Aktien oder den Erlös aus dem Verkauf der Bezugsrechte. Bewahren Sie die Abrechnung zusammen mit der ursprünglichen Mitteilung auf.

Gibt es auch Kapitalerhöhungen ohne Bezugsrechte?

Unternehmen können neue Aktien auch unter Ausschluss der Bezugsrechte ausgeben, beispielsweise für die Beteiligung eines neuen Investors. Dann erhalten bestehende Aktionäre kein entsprechendes Angebot. Ihre Beteiligungsquote sinkt durch die zusätzlichen Aktien. Für österreichische Aktiengesellschaften regelt das Aktiengesetz die Voraussetzungen für einen solchen Ausschluss.

Daneben gibt es Kapitalerhöhungen gegen Sacheinlagen. Ein Investor bringt etwa ein Unternehmen oder ein Grundstück ein und erhält dafür neue Aktien. Der Gesellschaft fließt in diesem Fall ein Vermögenswert statt einer Geldzahlung zu. Die Wiener Börse unterscheidet diese Formen der Kapitalerhöhung (externer Link).

Bei einer Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln werden dagegen vorhandene Rücklagen in Grundkapital umgewandelt. Aktionäre erhalten dabei Berichtigungsaktien ohne zusätzliche Einzahlung. Das Unternehmen bekommt kein frisches Geld und der Gesamtwert Ihrer Beteiligung bleibt durch die reine Umrechnung rechnerisch gleich. Die Wiener Börse erklärt die Kapitalberichtigung (externer Link) genauer. Vom Aktiensplit unterscheidet sie sich dadurch, dass bei diesem das Grundkapital unverändert bleibt.

Dieser Beitrag erklärt Grundlagen und ist keine Anlageberatung. Kurse und Kennzahlen dienen der Veranschaulichung.

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